Die Geschichte der Gewerbeschule

Seit mehr als 200 Jahren berufliche Bildung in Lübeck


Aus kleinen Anfängen entwickelte sich das berufliche Schulwesen in Lübeck. Die „Sonntagsschule“ und die „freie Zeichenschule“ waren die Vorläufer der 1841 von der „Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit“ gegründeten „Gewerbeschule“. Auf freiwilliger Basis begann sie mit 40 Schülern (die Schulpflicht wurde erst 1909 eingeführt). Der Unterricht fand lange Zeit abends und am Sonntag statt, zunächst in den Räumen der Sparkasse (auch sie war eine Einrichtung der „Gemeinnützigen“). Das erste eigene Schulhaus (1864) war das Gebäude an der Ecke Pferdemarkt/Kapitelstraße, dort wo heute Pizza gebacken und gegessen wird. 1925 endlich wurde das heutige Gebäude bezogen, auch dies war von Anfang an zu klein (denn es gab inzwischen mehr als 3000 Schüler), deshalb wurden einige Nebenstellen (zumindest als Werkstätten) weiter genutzt.

 

Bis 1966 war dies die einzige Gewerbeschule in Lübeck.

Zahlreiche Nebenstellen waren nach dem Krieg eingerichtet worden, um den Unterricht provisorisch aufrecht zu erhalten: „Baracken“ auf dem Burgfeld. Ausweichklassen in der Domschule, die „Gewerbeschule“ in der Dr.-Julius-Leber-Straße (schon seit 1923 Nebenstelle, dort wo heute ein Kneipenrestaurant betrieben wird).

Mit dem Boom der Wiederaufbaujahre wurde die Schule an der Parade zu klein. Und die Stadt hatte Geld, es konnte neu gebaut werden.

Die Not war 1966 zu Ende. Am 1. April wurde gleich gegenüber der alten Schule das neu errichtete Gebäude in der Dankwartsgrube bezogen. Aus der „Gewerbeschule Lübeck - Berufsschule für Handwerk und Industrie“ wurden zwei selbständige Gewerbeschulen. Zur „Gewerbeschule I“  wurde die neue Schule, in die der alte Schulleiter, Herr Direktor Bastian mit den „konstruierenden Berufen“ zog. Übrig blieb die G II  mit 22 hauptamtlichen Lehrkräften, die - obwohl sie an derselben Schule blieben, versetzt wurden „nach der Gewerbeschule II Lübeck - Berufsschule für nichttechnische Berufe“.

Die Bezeichnung „nichttechnisch“ traf allerdings nicht zu. Denn schließlich gehörte das „graphische Gewerbe“ zur G II. Und auch alle anderen Berufe haben ihre „Techniken“.

Neuer Schulleiter der G II wurde Jürgen Börms.

Gleich nach dem Auszug der anderen Berufe, begann in der Gewerbeschule II der große Umbau für die verbliebenen. Denn für alle gewerblichen Berufe sollte sich in Lübeck die Qualität der Beschulung bessern. Abteilungsweise wurde von 1967 bis 1972  bei vollem Unterrichtsbetrieb umgebaut.

Nach Abschluss des Umbaus veranstaltet die Gewerbeschule II  im Sommer 1972 einen „Tag der offenen Tür“. Auf der Einladung werden folgende Berufe aufgezählt:

  • Hotelkaufleute
  • Hotel- und Gaststättengehilfinnen
  • Kellner
  • Konditoren
  • Bäcker
  • Fleischer
  • Verkäuferinnen im Nahrungsmittelhandwerk
  • Glas- und Gebäudereiniger
  • Postjungboten
  • Jungarbeiter
  • Maler
  • Friseure

 

  • Schriftsetzer
  • Buchdrucker
  • Flachdrucker
  • Reproduktionsfotografen
  • Retuscheure
  • Lithographen
  • Buchbinder
  • Schauwerbegestalter
  • Chemie-Laboranten
  • Biologie-Laboranten
  • Goldschmiede
  • Gärtner
  • Floristen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beim zehnjährigen Bestehen der G II wurde gefeiert.
Die LN berichtete:

Wunsch zum „10jährigen“: Mehr Lehrkräfte und Räume“
 
Lübecker Gewerbeschule II feierte Jubiläum
 
„Mehr Lehrkräfte und räumliche Erweiterungen“ wünschte sich Oberstudiendirektor Jürgen Börms auf einer Feierstunde der Gewerbeschule II in Lübeck, die jetzt aus Anlaß des 10jährigen Bestehens begangen wurde.
 
Vor zahlreichen Gästen und dem Kollegium beklagte Börms den Ausfall bedenklich vieler Unterrichtsstunden. „Jede Diskussion über neue Bildungsreformen ist unnütz, wenn den Schülern keine umfassende Bildung ermöglicht wird.“ Der Auszubildende von heute sei der Facharbeiter von morgen und der Meister von übermorgen. Das Bestehen einer gesunden Volkswirtschaft hängt, so der Leiter der Gewerbeschule II, in hohem Maße von dem Fachwissen der Schüler ab. ...
 
Der Oberstudiendirektor hob das außerordentlich gute Betriebsklima im Kollegium und zur Schülerschaft hervor, „das über den Arbeitsplatz hinaus bis in private Bereiche reicht.“ Ein besonderer Dank gelte der Hansestadt, die immer ein offenes Ohr für die Probleme und Sorgen der Gewerbeschule II gehabt habe. Die vorbildlichen Werkstätten seien nicht zuletzt auf diese gute Zusammenarbeit zurückzuführen. ...
 
ra  Lübecker Nachrichten 17.06.1976

 

Die Schülerzahlen stiegen, die Räume wurden knapp, bald platzte die Gewerbeschule II aus allen Nähten. Wie das Problem lösen? Der erste Schritt – wie früher schon, eine Nebenstelle wird errichtet: die „Jungarbeiterabteilung“ wurde in die Kalandschule ausgelagert. Dort wurde auch - mit einfachsten Mitteln - ein Bauhof errichtet. Die anderen Werkstätten blieben in der Parade. Das war keine Lösung auf Dauer. Ein neuer Berufsschulentwicklungsplan sah den Bau der Gewerbeschule III vor. Es wurde lange um die Schule gekämpft, der Bau immer wieder verzögert. Zuerst auch hier eine provisorische Lösung: die G III wurde gegründet ohne eigenes Schulgebäude. Daher blieb zunächst für die G II alles beim Alten, nur: einige Schüler, die hier zur Schule gingen, waren nicht mehr unsere Schüler und einige Kollegen, gehörten nicht mehr zu uns, obwohl wir wie bisher im gleichen Lehrerzimmer saßen. Dann zogen wieder Berufe aus: die Fachgruppe Gartenbau, die Maler, mit ihnen die Schauwerbegestalter. Für die Berufe der Drucktechnik wurde eine Landesberufsschule in Neumünster eingerichtet. Das war 1983. Mit dem Schuljahreswechsel ging Herr Börms nach 17 Jahren Dienst an der G II in Pension.



Die Gewerbeschule II erhielt einen neuen, sehr jungen Schulleiter, Gerd Dunker.

Vor ihm und dem Kollegium lag viel neue Arbeit: der erneute Umbau der Gewerbeschule II. Es ging wieder los. Frei nach dem bereits bekannten Motto: „Umbau bei vollem Schulbetrieb“.

Gewerbeschule griff zur Selbsthilfe

Unkonventioneller Einsatz machte Investitionen in Höhe von rund 500 000 DM möglich
 
Der Initiative der Gewerbeschule II ist es zu verdanken, daß Auszubildende des Fleischerhandwerks und angehende Bäckerei- und Konditorei-Fachverkäuferinnen jetzt in modern ausgestatteten Räumen lernen können.
 
Für über eine halbe Millionen Mark sind eine Werkstatt und ein Verkaufsdemonstrationsraum entstanden. Die Stadt als Schulträger ist daran jedoch nur geringfügig beteiligt. Den Löwenanteil hat die Schule auf unkonventionelle Art zusammengebracht.
 
Die alte Fleischerwerkstatt war völlig veraltet. Viele Geräte genügten den Unfallverhütungsvorschriften und Umweltanforderungen nicht, andere fehlten. Und Bäckerei- und Konditoreifachverkäuferinnen konnten bislang nur an der Tafel unterrichtet werden, weil es Übungsräume nicht gab. Schulleiter Gerd Dunker sah „die Ansprüche an die Berufsschule nicht erfüllt“. ... Zunächst wurde festgelegt, wie die neue Fleischereiwerkstatt aussehen sollte. (Dann warb die Schule um Spenden)
 
Nach einem guten Jahr ist das Werk vollbracht. 250 000 Mark sind überwiegend aus Bayern und Baden-Württemberg für die Werkstatt zusammengekommen, die Lübecker Firma Baader hat davon 77 000 Mark beigesteuert. Die Stadt bezahlte der G II kleinere Geräte und Anschlußkosten in Höhe von 70 000 Mark.
 
In der neuen Werkstatt steht eine computergesteuerte Kombianlage, in der gegart und geräuchert werden kann. Angegliedert ist ein Verkaufsraum, denn „wer Kunden bedient, muß wissen, mit welchen Zutaten die Ware hergestellt wird. Als Fleische ist es wichtig zu sehen, daß die Ware verkaufbar ist“, so der Schulleiter. ...
 
Um für Bäckerei- und Konditoreifachverkäuferinnen einen Verkaufsdemonstrationsraum einzurichten, hat sich die Schule das Wiedereingliederungsprogramm für Frauen der Landesregierung zunutze gemacht. Nacht entsprechenden Verhandlungen sind daraus 150 000 Mark geflossen, hinzu kommen 50 000 Mark Sachspenden und 38 000 Mark aus dem städtischen Haushalt für Kleingeräte und Anschlüsse. ...  
 
LiM Lübecker Nachrichten 01.03.1987
 

1987 zogen auch die Gold- und Silberschmiede aus. Seitdem gibt es die „Landesberufsschule für Gold- und Silberschmiede sowie Graveure“, eine Außenstelle der Gewerbeschule II, in der Fischergrube - auf dem Gelände der Handwerkskammer.

Im Stammhaus der Gewerbeschule II wird weiter umgebaut: 1990 werden die neue Küche und das Restaurant fertig:

 

Zur Einweihung gab es das „Buddenbrook-Menü“

 

Gewerbeschule II: Lernen im Restaurant mit allem Drum und Dran

Mit dem „Buddenbrook-Menü“ wurde jetzt das neueste Restaurant der Spitzenklasse in der Hansestadt Lübeck eingeweiht. Es hat keinen Namen und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich, handelt es sich doch um die „gastgewerblichen Werkstätten“ der Gewerbeschule II in der Parade.
Lübecker Nachrichten, 08.03.1990

 

Nach Jahren des Schrumpfens gab es nun endlich eine Neugründung an der Gewerbeschule II: Nach langem politischen Ringen um den Standort im Lande und einer verhältnismäßig kurzen Vorlaufzeit für die inhaltliche Planung wurde 1992 die „Fachschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe“ - kurz als „Hotelfachschule“ bezeichnet – eröffnet

Im Zuge dieser Entwicklung wurde der Vollzeitbereich an der Gewerbeschule II weiter ausgebaut.

Seit 2000 besteht hier eine zweijährige Berufsfachschule Ernährung, Schwerpunkt Nahrung und Gastgewerbe.

Ein Jahr später wurde die Fachoberschule und im Folgejahr die Berufsoberschule eingerichtet.

Zum Schuljahreswechsel 2003 wurden die Auszubildenden folgender Berufe an der Gewerbeschule II als Teilzeitschülerinnen und -schüler beschult:

Berufsfeld Hotel- und Gaststättengewerbe:

  • Koch/Köchin
  • Restaurantfachmann/-fachfrau
  • Hotelfachmann/-fachfrau
  • Fachgehilfe/-gehilfin im Gastgewerbe
  • Kaufmannsgehilfe/-gehilfin im Hotel- und Gaststättengewerbe

Berufsfeld Nahrungsgewerbe:

  • Fleischer/-in
  • Fleischereifachverkäufer/-in
  • Bäcker/-in
  • Bäckereifachverkäufer/-in
  • Konditor/-in
  • Konditoreifachverkäufer/-in

Berufsfeld Laboranten:

  • Biologielaborant/-in
  • Chemielaborant/-in
  • Chemikant/-in
  • Lacklaborant/-in
  • Physiklaborant/-in

Friseurinnen und Friseure

in der Landesberufsschule für Gold- und Silberschmiede sowie Graveure:

  • Goldschmied/-in
  • Silberschmied/-in
  • Graveur/-in


Im Februar 2006 kommt es wieder zu einem Schulleiterwechsel.

Herr OStD Gerd Dunker geht nach 23 Jahren in den Ruhestand und das Ruder übernimmt OStD Stephan Ruscheck.

Im Mai desselben Jahres ändert die Gewerbeschule II ihren Namen in Gewerbeschule Nahrung und Gastronomie. Der Grund hierfür war im Vorfeld das Aufgehen der Gewerbeschule I und III in die Emil-Possehl-Schule.

Das Paradefest im Mai 2008 gab den Anlass. Nach langer Zeit öffnete die GeNuG wieder einmal ihre Tore für die Öffentlichkeit. Beim „Tag der offenen Tür“ werden den vielen Besuchern Speisen und Getränke aus Gastgewerbe und Nahrungsmittelhandwerk angeboten, selbstverständlich alles alkoholfrei.

Zum Schuljahreswechsel 2008/09 wurde die ehemalige Franke-Schule aufgelöst. Der gesamte Gebäudekomplex wird unserer Schule angegliedert und zur Außenstelle Schildstraße.

Gegenwärtig besteht die Gewerbeschule Nahrung und Gastronomie aus der Hauptstelle in der Parade 2 sowie der Außenstelle Schildstraße als auch der Carl-Friedrich-von-Rumohr-Hotelfachschule in der St.-Annen-Str. Alle drei Gebäude sind fußläufig gut zu erreichen.

Aber auch innerhalb der Gebäude tut sich so einiges. Im Sommer 2009 wird nach z. T. unerwartet schwierigen Umbauarbeiten der neue Fachraum „Hotelzimmer“ in einem 4-Sterne-Standard eingerichtet.

Ein Jahr später kommen ein Fachraum für Sensorik sowie ein Multi-Funktions-Fachraum hinzu. Diese Fachräume werden von allen Berufen im Rahmen des technologischen Fachunterrichtes genutzt.

Seit 2008 besteht ein Schüleraustausch mit Frankreich. Intensive Kontakte werden mit Schulen in Sète, Montpellier (beide Südfrankreich) und Guadeloupe (Karibik) gepflegt.

Darüber hinaus hat sich in den letzten Jahren eine rege Wettbewerbskultur an unserer Schule entwickelt. Bei diesen Berufswettkämpfen wird unsere Schule intensiv von den verschiedenen Berufsverbänden unterstützt. In diesem Zusammenhang ist auch die Unterstützung einiger Sponsoren aus der Region besonders hervorzuheben, ohne die so manche Veranstaltung nicht durchzuführen wäre.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Ausbildung von jungen Lehrkräften. Grundlage hierfür ist ein hausinternes Ausbildungskonzept. Die Einzelheiten finden Sie hier.

Ein Schulprogramm, welches die Richtlinien unserer Arbeit beschreibt finden Sie an dieser Stelle.

 

Stand: 07.03.2010